Gedemütigt



Man könnte meinen, ich würde viele, ja sogar alle Grundlagen des Glaubens kennen, wo ich doch schon mein ganzes Leben Christ bin, alle Phasen von Kinderstunde, Kinderchor, Teeny, Jugend, Hauskreise, Bibel Grundlagenkurs mitgemacht habe. 
Man könnte tatsächlich davon ausgehen, ich würde alles. Wissen. Ich müsste wissen, was Heiligung ist.
Und doch saß ich diesen Sonntag im Gottesdienst, hörte der Predigt eines Mamnes meiner Gemeinde zu – und hatte den Flashback meines Lebens.
Ich bin jetzt in dem Alter (ja, ich bin in einem Alter)  wo ich immer wieder schmerzlich feststelle, dass die Erkenntnisse, die ich mit 17 besserwisserisch in die Welt geschrien habe, neu sortiert oder ersetzt werden müssen. Das meiste von dem, was ich dachte, mit 17 begriffen zu haben, zerfällt momentan und ich muss mein Leben mit Jesus irgendwo neu sortieren und es ist ein ständiger Zyklus von Unverständnis, Genervtheit, ein stückweit Resignation und Frieden. Heftige Mischung. 
Mit ungefähr 20 dachte ich, mein Glaubensleben so ziemlich im Griff zu haben. Das Gefühl habe ich nicht mehr. 
Meine einzige Erkenntnis, die sich immer wieder bewahrheitet ist die, dass ich nichts im Griff habe. Dass ich zwar vieles verstanden, aber nichts begriffen zu haben scheine. 
Und da dachte ich, Heiligung, das ist dieser Prozess. Besser werden. Mehr Bibel lesen, mehr beten, mehr dienen, mehr sein, mehr tun. Geistlich natürlich.
Und da steht der Prediger Sonntag eiskalt auf der Kanzel und sagt:
auf Demütigung folgt Heiligung.

Und ja, man könnte ja meinen, als Langzeitchrist hätte ich das schon mal gehört. Und vielleicht habe ich das auch. Aber ich habe es nicht begriffen. Ich glaube, ich habe den Prediger ungläubig angestarrt. 
In diese Zeit, wo ich mich fast weigere, zu „erkennen“ und zu „wissen“, wo ich nur mit Jesus sein will – dachte, ich würde vor „Heiligung“ weg laufen – dachte „was stimmt denn nicht mit mir?“ sagt der Typ, dass das, wonach ich gestrebt habe, keine Heiligung ist. 
Ich habe danach gestrebt, besser zu werden. 
Aber geheiligt werde ich, wenn ich von Gott gedemütigt werde. Wenn Gott mir zeigt, wofür ich mich schämen sollte. 
Nicht, ja ganz bestimmt nicht dann, wenn ich „besser“, oder „so heilig wie möglich“ (Jesus ähnlich) sein möchte. 


Ich habe wohl gehört, dass Gott in dem schwachen mächtig ist. Dass er durch die zerbrochenen scheint. Aber ich dachte, damit sind die Traurigen, die Mutlosen gemeint. 
Heute habe ich verstanden, es geht nicht um die – nicht in erster Linie. 
Gott ist in denen stark, die nichts auf die Reihe bekommen, die sich nicht im Griff haben, die Übermotivierten (Petrus), die Zweifler (Thomas), die Gedemütigten. Die, die „so heilig wie möglich“ sein wollen (Pharisäer) verwirft er.
Gott ist in meiner Demütigung heilig. Wobei Demütigung nichts ist, was ich selbst tu. 
Schwachsinn, dieses „sich vor Gott demütigen“ Das mache nicht ich selbst. Und wenn, dann nur auf meine stolze, vorsichtige Art. Gott demütigt mich. Auf seine knallharte, liebevolle, vollendete Art. 
BÄM –GEDEMÜTIGT. Zerbrochen, beschämt, peinlich berührt, zweifelnd. 
Gott ist heilig. Er allein. Und er muss mich demütigen, damit man das sehen kann. SEINE Heiligkeit – nicht meine Heiligung.
Ich sollte mich nicht meiner Heiligung rühmen, sondern meiner Schwachheit.
Viel zu oft bin ich nicht einer der Jünger, der an Jesu Schulter lehnt - sondern einer der Pharisäer, der Jesus beim ganzen dienen, einhalten und festlegen nicht sieht. Ich sollte mich nicht meiner Erkenntnisse und meiner Heiligung rühmen. Sondern meiner Schwachheit, ein stückweit meines Versagens, denn darin ist Gottes Gnade mächtig und Gnade ist das Evangelium, die gute Nachricht. Denn in all meiner Schwachheit liebt Jesus mich. 

Hallo, ich bin Vanessa, 26 Jahre, Langzeitchrist und habe das alles heute zum ersten Mal so gehört - oder verstanden und hoffentlich begriffen. Ich fühle mich wie ein Witz. Und das ist eines der besten Gefühle, die ich je hatte.
Denn in allem was in meinem Glaubensleben schwankt, in allen Dingen, die ich mit 16 als Erkenntnis und mit 26 als leere Aussage sehe, mit allem, was unklar ist, mit all meinem Falsch:  Jesus steh fest. Das einzige, was fest steht. Er steht da und zeigt mit Gott. 
Darin, in dieser Gnade und Liebe ist Frieden. Darin liegt alles. 
Nicht in der falschen "Heiligung" die fast nur "besser werden", "so heilig wie möglich", einhalten und Heuchelei beinhaltet. 




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