Papa ist 70

16.6.17










Mein Papa ist 70 geworden. Wir haben groß gefeiert und es war wunderbar. Mein Vater steht nicht gern im Mittelpunkt und deshalb hatten wir Angst, er würde sich unwohl fühlen.



Aber den ganzen Tag sah er einfach grenzenlos glücklich aus und abends sagte er, er hätte sich wie der Mittelpunkt der Welt gefühlt.



Es ist weit verbreitet, von seinem Vater enttäuscht zu sein. Es wird gerne weit ausgeholt und bis ins kleinste Detail analysiert, wie sehr die Fehler unserer Väter uns Töchter kaputt machen.



Einmal habe ich sehr schlecht über meinen Vater geredet. Eben auf dieser Schiene, in der man so redet, gerade als russlanddeutsche Tochter. Mein Bruder hörte das und nahm mich nachher zur Seite. Er sagte, das, was ich Papa jetzt vorwerfe, werde ich ihm irgendwann nicht mehr vorwerfen, ich werde es aber nie mehr aus den Köpfen der anderen raus bekommen.



Das habe ich mir sehr zu Herzen genommen. Erst einmal die Verheißung, ich werde es ihm irgendwann nicht mehr vorwerfen, aber auch, dass ich meine Worte nicht zurück nehmen kann, seien sie in dem Moment auch noch so wahr.



Ich rede fast ausschließlich gut über meine Eltern. Nicht weil sie fast ausschließlich gut sind, sondern weil ich auf das gute den Schwerpunkt legen möchte. Spätestens wenn meine Eltern nicht mehr auf dieser Welt sein werden, werde ich mich nur noch an das gute erinnern, also fange ich jetzt schon damit an. 
Über meinen Vater schreibe ich öfter und mache mir sehr viele Gedanken über ihn und unsere Beziehung. Bei Instagram benutze ich dazu den Hashtag #meinVaterbleibt 



Alles was ich über meine Eltern sage und schreibe ist wahr. Dass es so stark romantisiert ist, ist eben mein Wesen. Aber es ist alles wahr und nicht ausgeschmückt. Es ist nicht die ganze Wahrheit, aber der größte Teil der Wahrheit. Der Teil, der Bestand hat. 

Hier veröffentliche ich die Rede, die ich an seinem Geburtstag hielt.








Ich denke, Papa hat verdient, dass seine jüngste Tochter an seinem 70. Geburtstag hier vorne steht und vor allen Anwesenden ihre tiefe Seele präsentiert.

Ich versuche, einen Mann zu beschreiben, der in einem Haus lebte, das mit Heu ausgelegt war damit der Boden nicht so kalt ist, der schon in der 1. Klasse vor der Schule stundenlang gearbeitet hatte, der mit 15 auszog, der bei der Mariene war, der mit 4 Leuten in einem 13qm großem Haus gelebt hat, in dem er auch noch Besuch empfing, der seinen geliebten Job als Lehrer verlor, weil er nebenbei Gemeindeleiter war und die KGB das nicht gerne sah, der seinen Vater mit seinen eigenen Händen zu Grabe trug, der sah wie sein Bruder starb, der seine Frau pflegt, der acht Kinder sehr erfolgreich groß gezogen hat.
Und höre ich mich selber reden, fühle ich Scham, wenn ich an die unzähligen Momente denke, in denen ich Papa anschrie, mit Türen knallte, ihm Vorwürfe machte, die schlimm genug waren, dass ich sie erfolgreich verdrängen konnte.
Papa lehrte mich Demut. Und ganz oft unbewusst.
Ich lerne immer wieder, demütig zu sein, wenn ich daran denke, was ich Papa alles an Worten an den Kopf geworfen habe und mich in diesem Wissen heute an seine Schulter lehne und mit von ihm den Rücken kraulen lasse und ganz genau weiß dass ich es nicht verdient habe.
Dass ich eigentlich sehr viel dafür tat, was für manchen Vater Grund genug gewesen wäre, Abstand zu halten.
Aber er tut es nicht und ich lerne, unverdiente Vergebung anzunehmen.
Sieht er mich heute an, sehe ich keine Spur von all den negativen Momenten die wir teilten. Ich sehe nur die positiven. Aber ich bin auch eine hoffnungslose Romantikerin. Nicht die, die Blumen und Pastelltöne mag, eher die, die bei jedem schönen Moment weinen könnte. Papa kann das auf sein Alter zurückführen, aber ich bin erst 25.
25 und Single. Ich habe mal gelesen dass eine Frau unbewusst nach einem Mann sucht, der dem, was man am Vater mag, ähnelt. Meine Messlatte ist 70 Jahre alt. Papa, dass deine jüngste Tochter noch nicht verheiratet ist, ist deine Schuld. Warum bist du auch so wunderbar?
Aber ganz ehrlich, ich fand Papa nicht immer wunderbar. Eigentlich wurden wir erst Freunde, als Mama den Schlaganfall hatte. Als ich anfing, Leute bewusst wahrzunehmen, von jedem so zu denken, wie ich denken würde, wenn die Person tot wäre.
Traurigerweise habe ich erst dann begonnen, Papas positiven Seiten zu schätzen.
Er besuchte Mama jeden Tag. Mir wurde klar, dass da eine tiefe Treue hinter steht, die auf einem tiefen Charakter basiert und ich begann, diesen Charakter kennen zu lernen. Papa ist keine laute, offene Person. Aber er hat sich seine Menschen ausgesucht, die er liebt und er hat beschlossen, dass nichts, absolut nichts seine Liebe erschüttern wird.
Papa liebt und er bleibt. An dieser Tatsache habe ich niemals gezweifelt.
Mir ist bewusst, dass ich eine absolute Seltenheit auf dieser Erde bin, wenn ich so über meinen Vater sprechen kann.
Als ich damals anfing, Papa kennenzulernen habe ich begonnen zu schätzen, dass er sich Zeit nimmt und es tatsächlich sein Hobby ist, Gespräche zu führen. Er ist der weiseste Mensch den ich kenne und seit 2009 war er ohne Ausnahme immer meine erste Instanz und ich wurde nie enttäuscht. Jedes Problem brachte ich als erstes ihm und wenn nicht, dann war es kein Problem.
Ich habe mit niemandem so viel gebetet wie mit Papa und mit niemandem so viel geredet wie mit ihm. Unser persönlicher Rekord waren sieben Stunden ohne große Unterbrechung. Dass es allgemein verbreitet ist, Männer würden nicht viel reden, kann ich bis heute nicht nachvollziehen.
Papa holt zwar manchmal sehr weit aus, aber niemals hat er den Faden verloren und immer waren wir überrascht, wie durchdacht seine Ausführungen waren.

Ich finde nicht alle seine Ansichten gut und richtig. Und viel zu oft halte ich ihm das vor. Aber wie könnte ich wagen, zu urteilen, was ein Mann denkt, der mehr als doppelt so alt ist wie ich und ein Leben gelebt hat, dass ich mir nicht einmal vorstellen kann.
Wo ich doch nur das Leben kenne, dass er mir mit bedingungsloser Liebe gestaltet hat.
Papa ist Treue, Liebe und Zeit.

Einmal ging es mir nicht gut. Es war früh morgens und ich rief Papa weinend an. Er ließ alles liegen und war in wenigen Minuten bei mir. Wir haben an dem Tag 4 oder 5 Stunden geredet. Ich habe geheult bis mir die Spucke weg blieb und Papa hörte mir zu. Dann legte er los, erzählte von sich, analysierte mich und mein Problem und brachte es nach einigen Stunden tatsächlich in einem Satz auf den Punkt.
Aber ohne mir zu sagen, was ich machen sollte. Und das machte mich wahnsinnig. Ich begann wieder mit “Ja, Papa, aber…” und er lachte. Er wusste dass ich wollte dass er mir ganz genau sagt was ich tun soll. Er umarmte mich halb lachend, halb weinend mit einer Umarmung, die nur Papa geben kann und sagte, dass er mir nicht sagen kann was ich tun soll.
Ich muss meine Entscheidungen allein mit Jesus treffen.
Er schaute mich mit diesem Blick an. Dieser typische Papa Blick, wenn seine Augen glasig werden, er seinen Kopf schräg neigt und eine Mischung aus Mitleid und Liebe aus dem tiefen Blau scheint.
An dem Tag habe ich noch lange geweint. Aber aus einem anderen Grund. Ich fragte mich, was ich irgendwann tun werde, wenn Papa nicht mehr da ist.
Und ich weiß dass Papa die selben Sorgen plagen. Was macht seine Frau, was machen seine Kinder und Enkelkinder, wenn er nicht mehr da ist. Er versucht uns darauf vorzubereiten, in dem er zu jeder Möglichkeit sagt “Wenn ich noch lebe, …” und wir mögen nicht, wenn er das sagt, weil wir niemals in Frage stellen wollen dass er noch lebt. Er versucht alles zu machen “Solange er noch kann.”
Papa fuhr an diesem Tag nach Hause.

Was ich über diesen Tag zu sagen habe, ist wohl das selbe, was ich bei seiner Beerdigung sagen würde. Und das selbe was ich heute an seinem 70 Geburtstag  sagen werde.

Nichts war Papa wichtiger, als treu bei mir zu sein wenn ich ihn brauchte.
Mir zuzuhören, mir zu erzählen und mich zu lehren.
Aber niemals nahm er mir eine Entscheidung ab.
Er machte mich stark genug, sie selber zu treffen.
Er machte mich stark, mein Leben mit Jesus zu meistern.
Und dann ging er heim, denn er hatte getan was er konnte.



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