Das Heidi-Gefühl

1.3.17

Wenn man mich dazu zwingen würde, mir nur eine Serie auszusuchen, die ich für den Rest meines Lebens schauen müsste – und außer ihr NICHTS, keine Serie, keinen Film, keine Show, … ich würde ohne zu überlegen die Zeichentrickserie Heidi wählen.
Als Kind habe ich als erstes die Heidi – Hörspiele gehört. Dann schaute ich die Verfilmungen, die wir hatten. Dann habe ich zwei Romane über Heidi gelesen (es war ein dicker Wälzer, an mehr kann ich mich nicht erinnern). Später dann, als meine ersten Neffen und Nichten schon geboren waren, schaute ich das erste Mal die Zeichentrickserie Heidi. Und alle Emotionen die sich über Jahre hinweg in mir aus Hörspiel, Buch und Film angehäuft hatten, fanden hier ihren Ausdruck. In den einfachen, aber ausdrucksstarken Bildern, der Geschichte und nicht zuletzt in der Musik (meiner Meinung nach der beste Soundtrack den ich je gehört habe). Im Wohnzimmer meiner Eltern hing ein Ölgemälde eines Schäfers in den Bergen mit der Aufschrift „Der Herr ist mein Hirte.“ Und ich kann mich an viele Situationen erinnern, in dem ich davor stand und es betrachtete. Es hängt jetzt in meinem Wohnzimmer und ich habe immer noch das „Heidi-Gefühl“ wenn ich es ansehe.


Mein Heidi-Gefühl. Letztens ist mir bewusst geworden dass ich alle Dinge liebe, die in mir dieses ‚Heidi-Gefühl‘ hervorrufen und außer dem kommt auch (fast) nichts in meine Wohnung oder meinen Kleiderschrank.

In gewisser Weise fühle ich mich oft wie Heidi in Frankfurt. Ich habe den größten Teil meines Lebens eine Sehnsucht nach den Bergen gehabt. Obwohl ich nie da war, fühle ich mich oft wie Heidi, die am Fenster in Frankfurt sitzt und sich das anschaut, was ihr stolz gezeigt wird. Sie sieht aber nur die Dächer und findet absolut nichts Schönes daran. Heidi wurde in Frankfurt das Leben geboten, was in jedem anderen Film glorifiziert wird und sie möchte es nicht – es macht sie krank. Und wir alle haben Mitleid mit ihr und sind böse auf das Fräulein Rottenmeier. Und doch würde der größte Teil von uns Fräulein Rottenmeier sein wenn es drauf ankommt. Vernünftig, Realistisch, fleißig, pflichtbewusst. Würden die verurteilen, die faul auf der Wiese liegen (was Heidi den größten Teil ihres Tages macht) würden nicht verstehen, wie jemand nur ein Kleid besitzen möchte und alle anderen verschenkt. Wie jemand jeden Tag dasselbe essen will – freiwillig – und dabei ohne Ende glücklich ist.
Meine Freundin und ich machen uns oft darüber lustig wie Heidi sich über den Schemel freut, den der Almöhi ihr machte. Sie flippt völlig aus und freut sich den ganzen Tag über „ihren eigenen Schemel“. Und manchmal schaue ich meinen Sessel an und würde mich gerne genauso darüber freuen können, wie Heidi über ihrem Schemel. 


Heidi verkörpert für mich gleichzeitig eine tiefe Sehnsucht und eine noch tiefere Zufriedenheit.
Sie ist zufrieden mit ihrem Leben in den Bergen. Ihr Umfeld hat Mitleid, versucht, sie da raus zu reißen, möchte ihr mehr bieten. Doch Heidi weiß überhaupt nicht damit umzugehen. Sie möchte das alles nicht. Sie möchte nicht das große Bett, sie möchte ihren Heuhaufen. Sie möchte keine vielen Kleider, möchte nur das eine, leichte. Sie möchte keine Auswahl beim Abendessen, nur den Ziegenkäse und die Milch. Heidi sehnt sich nach etwas, was die Leute nicht verstehen. Nur der Almöhi versteht es.

Ich weiß dass Heidi eine Romanfigur ist. Sie ist kein realistischer Charakter. Ich möchte sein wie Heidi, aber es geht nicht, weil ich ein echter Mensch bin und da noch so viel mehr als die Sehnsucht und die Zufriedenheit ist. Im wirklichen Leben ist Pflichtbewusstsein, Fleiß und Vernunft nicht (immer) schlecht. Aber ich sehne mich nach diesem Leben. In den Bergen, mit dem Almöhi, dem Rauschen der Tannen, den Ziegen, dem Heubett und dem Schemel. Und danach, damit zufrieden zu sein und absolut nichts mehr zu wollen. Ich bin es leid, zu wollen, zu brauchen und zu müssen.



Und jetzt kommt der Krönende, kitschige Abschluss: Eines Tages werde ich da sein. Ich weiß dass in der Bibel steht dass im Himmel Tore aus Perlen sein werden. Aber ich stelle mir den Himmel oft so vor, wie bei Heidi in den Bergen. Nur Gott, der versteht, wonach ich mich gesehnt habe,.
Wo ich nicht mehr WILL, nicht mehr BRAUCHE, nicht mehr MUSS. Nur noch BIN. Zufrieden.


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