#nichtfernweh

1.12.16


Ich habe in letzter Zeit einige Interviews mit Menschen aus Bayern gehört. Etwas ist mir hängen geblieben:
Die meisten der Leute waren etwas älter und sind so gut wie nie im Ausland gewesen. Auf die Frage des Moderators, ob sie nicht mal Fernweh gehabt hätten, sagten sie schlicht und ergreifend „nein“. 

Das hat mich unendlich fasziniert. 

Wir werden überflutet mit imposanten Bildern von Menschen die reisen. Die aus Koffern leben. All ihre Dinge verkauft haben, keinen festen Wohnsitz haben, wenige Verpflichtungen. Es gibt sogar Menschen die ihr Geld damit verdienen, zu reisen und davon schöne Bilder bei Instagram hochzuladen. 
#wanderlust #fernweh #traveling

Und irgendwie sehnen wir uns ja danach. Unabhängigkeit, Freiheit; und vor allem, schöne Fotos von uns an Abgründen beim Sonnenuntergang mit einem Buch in der Hand.
Das ist die Freiheit.

Aber diese Oma aus Bayern, 80 Jahre, antwortet auf die Frage ob sie denn nicht mal reisen wollte „Nein“ Sie hatte ihr ganzes Leben nie die Sehnsucht, irgendwas anderes zu sehen als das, was vor ihrer Nase war. 

Und diese Oma beneide ich mehr als jeden, der die ganze Welt bereist hat.

Es ist noch nicht lange möglich, so zu reisen wie heutzutage. So günstig, so schnell, so gut. Noch nie hatten wir so einen großen Einfluss von Medien wie jetzt und natürlich möchte man uns zum Geld ausgeben motivieren. Und jetzt ist es nicht mehr nur „möglich“, es wird quasi erwartet. Es wird selbstverständlich. Wer nicht reist hat kein Geld oder keine Zeit. 

Ich habe unbewusst den Gedanken von „Fernweh“ übernommen. Habe mir eingeredet dass ich mich danach sehne, dass ich das alles sehen möchte, dass ich auf einem Berg mit baumelnden Beinen den Sonnenuntergang sehen möchte. Aber dann antwortet diese gute alte Dame mit „Nein“ und ich frage mich, habe ich diese Sehnsucht wirklich? Oder habe ich es nur übernommen weil ich bis jetzt noch niemanden kannte der nicht viel reisen möchte? Der nicht so viele Kulturen kennen lernen möchte wie sein Geldbeutel und die Zeit es erlauben.  

Freiheit kann das Gefühl sein dass ich habe wenn ich aus Koffern lebe, unabhängig, irgendwo in Afrika Heuschrecken probiere, mit meinem Hobby gerade mal so viel Geld verdiene um in den nächsten Ort zu kommen, wenn ich keinen Haushalt zu pflegen habe. Wenn ich keine regelmäßigen Termine habe.

Freiheit kann aber auch das Gefühl sein dass ich habe, wenn ich nach Feierabend nach Hause fahre und vor Schönheit die ich zu sehen bekomme weine. Wenn ich keine 15 Minuten von mir einen Ort wie Pegasus finde, wenn ich die Menschen im Umkreis von 5km genauso interessant finden kann wie einen Straßenmusiker aus New York. Wenn meine eigene Kultur genug Überraschungen zu bieten hat. Wenn ich meine Wohnung mindestens genau so gemütlich und heimisch finde wie eine kleine Hütte im Wald. 

So will ich sein.
Beschränkt auf meinen kleinen Umkreis, meinen kleinen Horizont. 

Wenn ich 80 bin und mich jemand fragt ob ich nicht gerne mehr gereist wäre möchte ich sagen können: 
„Vielleicht. Aber mein eigenes Umfeld war so interessant, ich hatte keine Zeit dafür.“


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