Klarer Nebel

25.10.16




Es ist allgemein bekannt und anerkannt dass man sonnige Hitze als „gutes“ und graue Kühle als „schlechtes“ Wetter bezeichnet. 

Ich erinnere mich an folgende Situation:
Ich habe auf einige meiner Neffen und Nichten aufgepasst und mein Neffe fragte mich „Können wir raus?“ Ich sah an ihm vorbei durchs Fenster, sah den Regen, stellte mir die Kälte vor und dachte mir nur, was das für eine dumme Frage war. Nein, natürlich gingen wir nicht raus, nicht bei dem „schlechten“ Wetter und ich zählte die Gründe dafür auf. Was ich getan habe? Meinem Neffen anerzogen dass Regenwetter schlechtes Wetter ist. Daran hatte er vorher nicht gedacht, sonst hätte er nicht gefragt. Er wird später vermutlich Smalltalk über das „Schmuddelwetter“ führen.


Wenn ich aber ganz unkonventionell über gutes/schlechtes Wetter nachdenke, also mal versuche, meine Gedanken zu lösen, neu zu überdenken und anders fest zu fahren, kommt folgendes bei raus: 

Natürlich beginnt alles in der Kindheit, also in meinem reichen Schatz an Erinnerungen:
In meinen liebsten Kindheitserinnerungen ist es draußen grau. Mein Vater, wie er mir eine Laterne bastelte; mit Regenstiefeln in den Pfütze; unterm Tannenbaum liegen und das Krippenspiel anstarren; mit meiner Mutter in der Küche ein Hörspiele hören; im Schneematsch zur Schule gehen; mein Klassenzimmer im Winter bei Kerzenschein; die ganz und gar nicht drückende Stille auf der Straße; … 

Gutes Wetter muss man ausnutzen, schlechtes Wetter wartet man ab. 

Im August ist die Sonne schon lange aufgegangen wenn wir aufstehen. Wir sind sofort hochmotiviert, der Tag hat ja schon lange begonnen. Es ist hell, alles kann erledigt werden. Das perfekte Wetter zum Fenster putzen/ Frühstück draußen/ Garten pflegen/ schwimmen/grillen … wir haben sofort so viele Dinge im Kopf, für was dieser Tag das PERFEKTE Wetter hat. Dann ist es 23 Uhr, immer noch hell und wir schauen auf den Tag zurück. Der Tag war für so vieles perfekt aber wir haben gefühlt nur die Hälfte geschafft. Warum? Weil wir in der Hitze nicht mehr denken konnten und im Endeffekt nur im Freibad oder im Garten oder auch im kühlen Keller lungerten. Wir haben mehr geschafft als wir vielleicht im November geschafft hätten, sind trotzdem unzufrieden, denn es fühlt sich viel weniger an. Weil – perfektes Wetter für …. Alles.

Dann kommt der November. Die Sonne geht irgendwann während dem Frühstück auf. Alles geht irgendwie langsam weil man eh nicht viel machen kann bei dem Regen. Fenster putzen/ Frühstück draußen/ Garten pflegen/ schwimmen/grillen… scheint weit entfernt und eigentlich wollen wir nur mit einer Handarbeit auf dem Sofa sitzen. Am besten vorm Kamin. Am besten mit frisch gebackenen Keksen. Am besten im Kerzenschein. Und das Beste – wir tun es mit gutem Gewissen denn was anderes geht bei dem „Schmuddelwetter“ ja nun wirklich nicht. Dann ist es 23:00 und wir sind schon im Bett. Haben genau so „wenig“ geschafft wie am heißen Augusttag aber es ist okay, denn es war ja auch „schlechtes Wetter“. 


Ich liebe es, in einem Land zu leben, in dem ich beide Tage erlebe. Den August- und den Novembertag. 

Ich liebe es, im Regen aus meinem Wohnzimmerfenster auf Augustdorf zu schauen. Zu sehen wie alle rein laufen, die gemütlichen Lichter anschalten und sich insgeheim befreit fühlen. Befreit vom selbstauferlegten Leistungsdruck, der bei diesem Wetter auszusetzen scheint. Weil wir abwarten. Diese gezwungenen Pausen, über die man sich einerseits ärgert, andererseits tatsächlich zur Ruhe kommt. Besinnlichkeit nennen wir dieses Gefühl. Wir besinnen uns auf das, was wirklich essenziell ist. Denn für was anderes ist das Wetter nicht gut genug. Und gerade diese Tatsache macht das Wetter wieder perfekt.

Der graue Schleier der alles in spürbare Stille hüllt. Das warme Licht in der Kühle, das in den andächtigen Verstand eindringt. Aufrichtig, echt, klar.

Der Augusttag und die drückende Leistungshitze werden noch früh genug kommen. Aber noch ist es grau und kalt. Niemand (nicht einmal du selbst) nimmt es dir übel, wenn du den ganzen Tag in Kuschelsocken umherstreifst. Genieß es.






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