Ich bin Europäerin und behalte diese Puppe

17.2.16

Manchmal schäme ich mich dafür, zum Westen zu gehören.
Ich schäme mich dafür, dass der Westen sich in der ganzen Welt einmischt und andere Kulturen nur so lange duldet, so lange sie einem Nutzen bringen und dass Mitgefühl nur innerhalb der eigenen (erweiterbaren) Grenzen bestehen kann.

Dafür, dass in dieser Sucht nach „mehr“ sogar das eigene Land niemals groß genug ist und wir die ganze Welt besiedeln müssen, in dem kranken Denken „Sobald wir hier wohnen, gehört es uns.“
Es zählt nicht, wer ALS ERSTER hier gelebt hat, es zählt, wer sich durchsetzt. Ich schäme mich dafür dass meine Landesgenossen andere Länder einfach eingenommen haben und sie tatsächlich behaupten, das Land wäre erst entstanden, als sie es besiedelten. Sie feiern ein Datum, an dem das Land entstanden ist.

„Diese Schlacht war sinnlos weil kein Land eingenommen wurde.“ Was so viel bedeutet dass 10.000 Tote NICHT sinnlos sterben, wenn Land eingenommen wird?
Wer sich wiedersetzt ist mit seinem Denken noch nicht so weit wie wir „Europäer“. Wir wollen alle zivilisieren und denken, wir tun was Gutes. Wie dumm, davon auszugehen dass diese Zeiten vorbei sind.

Ich schäme mich dafür dass wir denken, nur technischer Fortschritt und wirtschaftlicher Wachstum bezeugt die Entwicklung der Menschen.

Dass Reichtum und Luxus an sich nicht schlimm ist, dass man tatsächlich denkt, man müsste nur „richtig“ damit umgehen.
Was bedeutet das? Solange ich glücklich bin ist Reichtum gut? Reichtum ist nicht einmal dann gut, wenn wir uns nicht davon einnehmen lassen.
Denn immer wenn ich Luxus oder Reichtum genieße, muss ich davon ausgehen, dass ich jemandem anderen auf der Welt unter die Linie die ich Standard nenne (Und unser Standard ist schon weit über dem Durchschnitt der Welt) katapultiert habe.

Nur deshalb gibt es Import und Export. Wir bringen den Reichtum der anderen Länder in unseres. Und das Land, das am meisten aus den anderen Ländern raus holt, hat gewonnen und genießt wirtschaftliches Wachstum.

Du kranke Welt.

Im Kindergarten lernen wir „Lisa, die Puppe gehört leider Antje, die kannst du ihr nicht einfach wegnehmen.“
Und dann bekommen wir Geschichtsunterricht und lernen: Doch, genauso funktioniert das.

Du kannst alles erreichen.
Du kannst immer hoch hinaus.
Dass sowas nur auf Kosten anderer funktioniert ist leider eine Nebenwirkung die wir „schweren Herzens“ tragen, das soll dich aber nicht aufhalten.


Wir begehen diesen Raub und schreiben Jahre später bei Spiegel einestages dass es unmenschlich war, was wir gemacht haben.
Denken aber gleichzeitig „Zum Glück hat’s funktioniert.“ Wir denken, die Bekundung unseres schlechten Gewissens würde etwas daran bessern. Würde ausreichen.
Nicht ändern, das wollen wir nämlich nicht.

„Antje, ich habe dir deine Puppe weggenommen und gebe sie dir auch nicht wieder zurück, aber ich möchte dass du weißt, dass es mir leid tut. Als Zeichen dafür bekommst du einen ihrer beiden Schühchen.“

Warum Lisa das Recht dazu hat? Sie ist halt älter, größer und hat sowieso schon mehr Spielsachen. Sie kann’s eben und HEY sie hat ja Mitleid – alles nicht so wild.

Revolutionäre feiern wir – nachdem wir sie umgebracht haben sie auf unerklärliche Weise ums Leben gekommen sind.

Stolz und Ehre haben wir nicht mehr. Für mehr Reichtum waren wir gerne bereit, diese Eigenschaften herzugeben.

Warum erklären wir den Kindern das Prinzip von „der Stärkere überlebt.“ Anhand von Tierbeispielen?
Zeigen wir ihnen einfach wie wir Amerika, Australien, Südafrika, … „besiedelt“ haben.

Und wir machen mit. Auch ich.

"Meine Erfahrung ist, dass wir absolut keine Ahnung haben, was wirklich passiert, während wir Geschichte durchleben. Welche Rolle wir in dem Ganzen spielen und welche moralischen Entscheidungen wir treffen." (Veronica Cecil)

Ich bin dankbar für die Sicherheit die ich genießen darf. Dafür hat mein Land gekämpft. Mit unfairen, finsteren, gewaltsamen Mitteln.

Das war es nicht wert.
Ich darf das schreiben. Das ist ein freies Land. Es ist so frei, es hat sich in der ganzen Welt verbreitet und zwingt anderen diese Freiheit auf. Und da geht es nicht um’s „nackte Überleben“, sondern um Reichtum. Der mir Sicherheit gibt.

Ich ärgere mich hier.
Aber wo ich stehen würde, wenn es hart auf hart kommt?
Wahrscheinlich auf der sicheren Seite.


Denn ich bin Europäerin.
Ich möchte Reichtum und Sicherheit.
Dafür gehe ich über Leichen.

Ich behalte diese Puppe.





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