Micha kann nicht schlafen

10.10.15

Eine Kindergeschichte




  Natürlich war Micha brav und natürlich wollte sie niemandem etwas Böses tun.
Doch heute hatte war es anders. Micha hatte eine Entscheidung treffen müssen und bei beiden Möglichkeiten hatte sie sich nicht wohl gefühlt.
Micha wohnte mit ihren Eltern und ihren zwei Schwestern in einem großen Haus, wo jeder sein Zimmer hatte. „Die drei Käseküchleins“ nannte die Mutter ihre drei Mädchen gerne. Micha war die jüngste und war noch den ganzen Tag zuhause, während ihre Schwestern Lina und Vera schon zur Schule gingen.
Gestern Abend hatte Micha in ihrem Zimmer gemalt, als Vera klopfte, ihren Kopf fröhlich durch die Türspalte steckte und rief „Schläfst du heute bei mir, Micha?“ Micha freute sich. Eigentlich war sie es immer, die fragte, doch heute war es Vera gewesen. Das war toll. Vera würde von der Schule erzählen und sie würden sich zusammen ein Bilderbuch anschauen und dann würde Micha morgens kurz aufwachen, wenn Vera zur Schule aufstand, sich wieder in die Decken kuscheln und genüsslich weiter schlafen.
Nach den Abendessen beim Zähne putzen kam Lina ins Badezimmer und fragte „Möchtest du heute bei mir schlafen?“ Das war sie. Das war die Frage, die Micha vor eine Entscheidung stellte. Sie musste sich zwischen Lina und Vera entscheiden. Micha schluckte „Vera hat mich schon gefragt.“ Lina schaute verdutzt „Achso. Ja dann schläfst du natürlich bei Vera.“ Und ging. Ganz bestimmt ist sie schrecklich traurig, dachte Micha. „Vielleicht sollte ich lieber bei Lina schlafen. Ich habe schon letzte Woche bei Vera geschlafen.“ Ach hätte Lina sie doch nicht auch gefragt. Warum wurde Micha überhaupt gefragt? Nun musste entweder Vera oder Lina heute Nacht allein im großen Bett liegen und denken, wie schön es wäre, wenn Micha sich für sie entschieden hätte.
Pflichtbewusst trottete Micha zu Vera. Veras Geschichten waren spannend und das große Bilderbuch war wunderschön aber, ach, Micha konnte es überhaupt nicht genießen. Selbst als Vera schon eingeschlafen war, schaute Micha noch im schwachen Mondlicht an die Decke. Bestimmt lag Lina jetzt traurig im Bett.
Entschlossen packte Micha ihre Decke und ihren Teddy und schlurfte leise über den Flur in Linas Zimmer. Sie öffnete die Tür. Lina war nicht traurig, sie schlief. Micha kuschelte sich neben ihre Schwester. „Was machst du hier?“ Fragte Lina gähnend im Halbschlaf. „Ich hatte schlechtes Gewissen.“ Flüsterte Micha. „Das brauchst du doch nicht.“ Sagte Lina und war wieder eingeschlafen. Micha lag da. Doch auch jetzt konnte sie nicht schlafen. Sie dachte nur an Vera, die, wenn sie aufwachen würde, bestimmt traurig wäre, wenn Micha zu Lina gegangen wäre. Verräterin. „Damals war alles leichter.“ Dachte Micha. Damals, als Vera, Lina und Micha, die Käseküchleins noch in einem gemeinsamen Zimmer gelebt hatten.
Von ihrem schlechten Gewissen gejagt, wechselte Micha ihren Schlafplatz  ein zweites Mal und huschte zurück zu Vera. Später in der Nacht wieder zu Lina. Und vielleicht war sie auch wieder zu Vera gegangen.
Als Lina und Vera morgens zur Schule aufstanden, hatte Micha immer noch nicht geschlafen. Sie lachten, als sie das Tränennasse Gesicht ihrer kleinen Schwester sahen und gingen zur Schule. 
Und Micha lag da. Heute hatte sie gar nicht genießen können dass sie noch weiter schlafen durfte, wenn ihre Schwestern zur Schule gingen. Heute hatte sie verstanden, dass erwachsen werden voller Entscheidungen ist. Und dass Entscheidungen treffen sehr schwer ist. Und dass es leider nicht immer ein „richtig“ und ein „falsch“ gibt.
Micha drehte sich im Bett um. 
Ein bisschen tat sie sich leid. Denn sie war noch zu jung, um ihre Gedanken zu Ende zu denken. Sie ging ja noch nicht einmal zur Schule. Sie lag hier im Bett nach einer schlaflosen Nacht und hatte schwere Gedanken, die sie nicht einmal aufschreiben konnte. Micha nahm sich fest vor, diese Gedanken nicht zu vergessen. Sie wollte noch einmal darüber nachdenken, wenn sie groß war.
Und dann schlief sie doch noch ein.


You Might Also Like

0 Kommentare